Gespräch mit Andrea Franke, Vorstand von Weiterbildung Hamburg e. V. und Geschäftsführerin der SBB Kompetenz gGmbH, über das Mentoring-Programm.
Frau Franke, worum geht es bei Mentoring und wozu ist es gut?
Andrea Franke: Zusammengefasst geht es um Empowerment (dienst-) junger Führungskräfte, Hamburger Networking, intergenerationelles Arbeiten und Erfahrungsaustausch. Gutes Mentoring ist für mich eine Mischung aus Sparring, Reflexion und Erfahrungswissen. Für eine bestimmte Zeit habe ich einen Menschen an meiner Seite, mit dem ich berufliche Fragen besprechen und auch mal Gedanken ausprobieren kann. Ohne Hierarchie und ohne dass am Ende eine Beurteilung daraus wird. Gute Mentor*innen hören zu, stellen Fragen, teilen ihre Erfahrungen und bringen einen manchmal auf Gedanken, auf die man allein nicht gekommen wäre. Und sie dürfen einem durchaus auch mal widersprechen. Sonst wird es schnell langweilig.
Wer benötigt Mentoring bzw. auf welcher Karrierestufe ist es sinnvoll?
Franke: Eigentlich kann Mentoring auf fast jeder Karrierestufe sinnvoll sein. Besonders spannend finde ich die Momente, in denen etwas in Bewegung kommt: Ich übernehme mehr Verantwortung, bin neu in einer Führungsrolle, denke über einen Wechsel nach oder merke einfach, dass ich mich beruflich weiterentwickeln möchte. Dafür braucht es auch keine berufliche Krise. Neugier, ein paar gute Fragen und Lust auf Entwicklung sind eine ziemlich gute Ausgangslage. Und die Bereitschaft, gelegentlich auch die eigene Sicht auf die Dinge infrage zu stellen.
Welche Vorteile bietet das Mentoring-Programm von Weiterbildung Hamburg e. V.?
Franke: Ich finde den Blick über die eigene Organisation hinaus besonders wertvoll. Wir kennen unsere eigenen Unternehmen, Abläufe und manchmal auch unsere eigenen Denkweisen ziemlich gut. Im Programm treffen Menschen aus unterschiedlichen Organisationen, Funktionen und beruflichen Zusammenhängen aufeinander. Daraus entstehen neue Perspektiven und Kontakte, die oft weit über das eigentliche Mentoring hinausreichen. Und genauso verstehe ich ein gutes berufliches Netzwerk: Man kennt Menschen, die anders denken, anderes wissen und andere Erfahrungen gemacht haben.
Wer kann sich für das Programm bewerben, welche Eigenschaften sollte man mitbringen?
Franke: Für mich kommt es vor allem auf die Haltung an. Neugier, Offenheit und Verbindlichkeit sind wichtig. Und natürlich die Bereitschaft, das eigene berufliche Handeln anzuschauen und sich wirklich auf den Austausch einzulassen. Man darf sehr gern mit Fragen kommen und noch keine fertigen Antworten haben. Dafür ist das Mentoring schließlich da. Ein bisschen Eigeninitiative gehört allerdings dazu. Nach dem Motto „So, ich bin jetzt da – entwickeln Sie mich bitte“ wird es vermutlich schwierig.
Welche beruflichen Kompetenzen und Karrierevorteile erhalte ich durch die Teilnahme?
Franke: Das hängt stark von den eigenen Themen ab. Häufig geht es um Führung, Kommunikation, Konflikte, Entscheidungen, die eigene Position im Unternehmen oder ganz grundsätzlich um die Frage: Wo möchte ich beruflich eigentlich hin? Im Mentoring werden oft auch die eigenen Stärken deutlicher – und mit etwas Glück auch ein paar blinde Flecken. Letztere sind meistens besonders interessant. Ich finde auch die Frage wichtig, was wir überhaupt unter Karriere verstehen. Manchmal wird im Mentoring klarer, welcher nächste Schritt passt. Manchmal stellt man fest, dass man den vermeintlich logischen nächsten Schritt gar nicht machen möchte. Beides bringt einen weiter.
Wichtig ist auch: Mentoring ist in alle Richtungen vertraulich, es dürfen also keinen sensiblen Informationen über Unternehmen oder Personen weitergegeben werden. Und: Weder Mentee noch Mentor*in dürfen vom anderen Arbeitgeber nicht abgeworben werden.
Wie hoch ist die zusätzliche zeitliche Belastung durch die Teilnahme?
Franke: Der zeitliche Aufwand ist überschaubar. Vorgesehen sind einmal monatlich 1,5 Stunden für das Gespräch zwischen Mentee und Mentor*in sowie fünf gemeinsame halbe Tage im Jahr mit Mentees und Mentor*innen. Das ist aus meiner Sicht eine gute Größenordnung. Es gibt genug Zeit, damit aus dem ersten Kennenlernen tatsächlich ein gemeinsamer Entwicklungsprozess werden kann. Und manches gute Mentoring-Gespräch arbeitet ohnehin noch ein bisschen weiter, wenn der Termin längst vorbei ist.
Nach welchen Kriterien erhalte ich einen Mentor oder eine Mentorin? Kann ich mitbestimmen?
Franke: Das Matching ist ein wichtiger Teil des Programms. Dabei werden die Entwicklungsziele der Mentees und die Erfahrungen und Kompetenzen der Mentor*innen zusammengebracht. Gleichzeitig muss auch die Chemie so weit stimmen, dass man offen miteinander arbeiten kann. Ich finde dabei Unterschiedlichkeit spannend. Mein Gegenüber muss nicht genauso denken wie ich oder einen ähnlichen beruflichen Weg gegangen sein. Gerade eine andere Perspektive kann ausgesprochen hilfreich sein. Wenn mir jemand zwölf Monate lang nur bestätigt, dass ich die Dinge ohnehin völlig richtig sehe, haben wir beide wahrscheinlich unsere Zeit verschwendet. Vertrauen gehört also dazu – und ein bisschen produktive Reibung darf gern dabei sein. Falls die Zusammenarbeit überhaupt nicht funktioniert, darf bis Ende Februar gewechselt werden.
Interview: Jan-Aslak Stannies
Weitere Informationen:
Mentoring-Programm für Nachwuchs-Führungskräfte in der Weiterbildung

